Die multiaxiale Diagnostik ist zurück — modernisiert, digital und Open Source
Ein Designkonzept mit funktionalem Prototyp. Keine klinische Empfehlung — ein Forschungswerkzeug zur Weiterentwicklung durch die Community.
Autor: Lukas Geiger (LG). Veröffentlicht als Preprint auf Zenodo.
Das Problem: Was 2013 verloren ging
Als die American Psychiatric Association 2013 das DSM-5 veröffentlichte, verschwand eines der einflussreichsten Werkzeuge der psychiatrischen Diagnostik: das multiaxiale System. Seit 1980 hatte es Klinikern ermöglicht, psychische Störungen (Achse I), Persönlichkeitsstörungen (Achse II), medizinische Zustände (Achse III), psychosoziale Belastungen (Achse IV) und das Funktionsniveau (Achse V) systematisch getrennt zu erfassen.
Die Begründung für die Abschaffung: Das System sei zu komplex, die Trennung zwischen Achse I und II klinisch nicht haltbar, die fünfte Achse (GAF-Skala) psychometrisch fragwürdig. Das stimmt alles. Aber mit dem multiaxialen System ging auch etwas verloren, das kein Ersatz bisher zurückgebracht hat: der strukturierte Zwang, über den ganzen Menschen nachzudenken — nicht nur über seine Symptome.
Was seitdem passiert: In der Fachliteratur wird eine schleichende Verengung der Diagnostik auf einzelne Störungsbilder diskutiert. Der biopsychosoziale Kontext — Wohnsituation, Arbeit, soziale Isolation, körperliche Erkrankungen — landet bestenfalls in einem Freitextfeld. Oft landet er nirgends.
Die Lösung: Ein 6-Achsen-Modell für 2026
Das Multiaxial Diagnostic Expert System ist ein Versuch, die Stärken des alten Systems zurückzubringen — ohne seine Schwächen zu wiederholen. Es erweitert das ursprüngliche 5-Achsen-Modell auf sechs Achsen und integriert erstmals drei Klassifikationssysteme in einem Werkzeug:
| Achse | Inhalt | Klassifikation |
|---|---|---|
| I | Psychische Störungen | DSM-5-TR |
| II | Persönlichkeit und Entwicklung | DSM-5-TR (AMPD) |
| III | Medizinische Zustandsfaktoren | ICD-11 |
| IV | Psychosoziale und umweltbezogene Belastungen | ICD-11 (Z-Codes) |
| V | Funktionsniveau und Behinderung | ICF |
| VI | Klinische Gesamtbeurteilung | Integrativ |
Drei Designentscheidungen unterscheiden es vom alten System:
1. Formale Coverage-Analyse. Das Symptom-Interface (eine Subkomponente der Achse I) berechnet eine mengenbasierte Metrik C(S), die systematisch unerkannte Symptome identifiziert. Nicht: „Hat der Kliniker an alles gedacht?” Sondern: „Was wurde noch nicht abgedeckt?” — mathematisch, nicht intuitiv.
2. Symmetrische Achse-I/III-Architektur. Psychologen und Ärzte arbeiten mit identischen Strukturtools. Die künstliche Trennung zwischen „psychisch” und „somatisch” wird nicht aufgehoben (sie hat ihre Berechtigung), aber sie wird überbrückbar.
3. Gatekeeper-Logik. Ein 6-Schritt-Algorithmus nach First (2024) implementiert hierarchische Ausschlussregeln als State Machine: Substanzinduziert? Medizinisch bedingt? Psychotisch? — bevor überhaupt eine spezifische Diagnose gestellt wird. Das ist keine KI-Diagnostik, sondern formalisierte klinische Logik.
Was der Prototyp kann
Das System existiert nicht nur als Paper, sondern als funktionaler Open-Source-Prototyp:
- Diagnostik-Interface (Streamlit): Geführter Prozess durch alle 6 Achsen, PRO/CONTRA-Evidenzbewertung mit Konfidenzschätzung pro Diagnose, CAVE Clinical Alerts für achsenübergreifendes Risikomanagement
- Diagnostisches Testcenter (Flask): 16 validierte Screening-Instrumente (PHQ-9, GAD-7, PCL-5, AUDIT, C-SSRS u.a.), Fernzugang per Link-Sharing, automatische Auswertung, REST-API
- Bilingual (DE/EN): 661 Internationalisierungs-Keys, vollständig übersetzt
- ~2.850 Zeilen Code, MIT-Lizenz (Software) + CC-BY 4.0 (Papers)
Was der Prototyp nicht kann
Ehrlichkeit ist Pflicht: Das System ist ein Designkonzept mit funktionalem Prototyp — kein validiertes Diagnosetool. Es gibt keine Pilotstudie, kein N=X, keine empirische Validierung. Die Coverage-Metrik ist formal definiert, aber nicht klinisch erprobt. Die Gatekeeper-Logik bildet publizierte Algorithmen ab, wurde aber nicht in einer klinischen Umgebung getestet.
Das ist kein Mangel, sondern eine bewusste Positionierung: Das System soll ein Forschungswerkzeug sein, das die Community weiterentwickeln, testen und — hoffentlich — validieren kann. Wir stellen die Architektur bereit. Die klinische Prüfung muss von Klinikern kommen.
Das eigentliche Problem: Integration, nicht Diagnostik
Die Werkzeuge zur psychiatrischen Diagnostik existieren. PHQ-9 für Depression, GAD-7 für Angst, PCL-5 für Trauma, AUDIT für Alkohol, C-SSRS für Suizidalität — die Liste validierter Screening-Instrumente ist lang. Das Problem ist nicht, dass sie fehlen. Das Problem ist, dass sie verstreut, teuer und nicht integriert sind.
In der Praxis sieht das so aus: Ein Kliniker vermutet eine komorbide Angststörung neben der Depression. Er braucht den GAD-7. Der liegt in einem anderen System, kostet pro Durchführung, muss separat ausgewertet werden. Die Ergebnisse landen in einem PDF, das nirgends mit der Hauptdiagnose verknüpft ist. Beim nächsten Patienten das gleiche Spiel — anderes Instrument, anderes System, andere Kosten.
Was dieses Tool anders macht: Alle 16 Screening-Instrumente an einem Ort, kostenlos, mit automatischer Auswertung, Fernzugang per Link und REST-API. Kein Login, kein Abo, kein Vendor Lock-in. Ein Patient kann den PHQ-9 zu Hause ausfüllen, der Kliniker sieht das Ergebnis sofort — integriert in den diagnostischen Gesamtkontext aller sechs Achsen.
Das ist keine Revolution. Das ist etwas viel Bescheideneres: ein kostenloser Baustein zur Verbesserung der diagnostischen Infrastruktur. Die Technologie dafür existiert. Die validierten Instrumente existieren. Was fehlte, war ein Ort, der beides zusammenbringt — offen, integriert und ohne Paywall.
Warum das ein Um:bruch-Thema ist
Wer diagnostiziert wird, bestimmt, welche Hilfe ein Mensch bekommt — oder nicht bekommt. Diagnostik ist kein rein medizinisches Thema, sondern eine Frage des Zugangs. Wenn Testverfahren Geld kosten und Integration Aufwand bedeutet, dann bekommen Menschen mit Ressourcen bessere Diagnostik als Menschen ohne. Das ist kein Naturgesetz — das ist ein Infrastrukturproblem.
Wenn Diagnostik sich zusätzlich auf Symptomchecklisten verengt und den sozialen Kontext ignoriert, werden strukturelle Probleme (Armut, Isolation, Wohnungslosigkeit) zu individuellen Störungen umgedeutet. Das multiaxiale System war ein Gegengewicht dazu. Sein Verschwinden hat eine Lücke hinterlassen, die bis heute nicht geschlossen ist.
Dieses Projekt ist ein Vorschlag, wie sie geschlossen werden könnte — digital, transparent, kostenlos und offen.
Interessenkonflikt
Transparenzhinweis: Der Autor dieses Blogbeitrags, Lukas Geiger, ist gleichzeitig der Entwickler des vorgestellten Systems. Um:bruch veröffentlicht diesen Beitrag, weil das Thema — kostenloser Zugang zu diagnostischer Infrastruktur — in den Themenbereich Gesundheit und Teilhabe fällt. Die Einordnung und Bewertung bleibt Sache der Leserschaft und der Fachcommunity.
Links
- Preprint (Zenodo): doi.org/10.5281/zenodo.18736725 — Paper in EN + DE
- GitHub (Open Source): github.com/research-line/multiaxial-diagnostic-system
- Lizenz: MIT (Software) + CC-BY 4.0 (Papers)
Hinweis: Dieses Projekt stellt keine Gesundheitsberatung dar und gibt keine klinischen Empfehlungen. Es handelt sich um ein Forschungswerkzeug zur Weiterentwicklung psychiatrischer Diagnostik.